Der Tag begann entspannt um 8 Uhr. Wir mussten ja heute nur kurze 20 Kilometer gehen und dann wären wir am Ziel, nur noch ein kurzer Weg zum Auto. So euphorisch waren wir, die Tour heute an diesem letzten schönen Tag vor dem Schnee beenden zu können.
Als ich nach dem Frühstück das Hotel verließ und mich nicht direkt die Sonne anlachte, war mir sofort klar: Ich hatte eigentlich gar keine Lust mehr auf die heutige Tour. Ich machte das jetzt nur, um die Tour abzuschließen. Hätte ich vorher noch einmal auf die Karte geschaut, hätte ich gesehen, dass uns eher 25 Kilometer erwarteten. Das sollte sich bei unserem späten Start noch rächen.
Vom Hotel fuhren wir mit dem Auto zu dem Bahnhof, an dem wir unsere Etappe gestern beendet hatten. Von dort waren es nur etwas über einen Kilometer, um wieder auf den Trail zu kommen. Auch wenn wir heute nur leichte Rucksäcke trugen, war der Anstieg zu den Leitern ziemlich fordernd. Als wir dort ankamen, war alles in dichten Nebel gehüllt, und ich hatte einfach keine Lust mehr. Die Leitern und die Vorstellung, mich im Nebel mit anderen Wanderern zu drängeln, reizte mich überhaupt nicht. Ich konnte sie zwar hören, aber niemanden sehen. Egal wie einfach die Leitern auch sind, wir gingen zurück zur letzten Abzweigung und nahmen eine alternative Route.
Der Weg dorthin war traumhaft – waldig, felsig und vor allem leer. Es war erst das zweite Mal auf dieser Tour, dass ich das Gefühl hatte, alleine im Wald zu sein. Leider hielt das nur bis zur Skipiste vor der Seilbahnstation La Flégère an. Hier vereinten sich die Trails wieder.
Hier wurde uns klar, dass uns noch jede Menge Kilometer bevorstanden. Das Wetter hatte sich zwar aufgeklärt, und aus dem nebligen Morgen war ein traumhaft schöner Tag geworden, aber das machte ihn leider auch nicht kürzer. Ein Stück weit hatte ich mir das auch selbst zuzuschreiben, da ich die Leitern umgangen hatte. Doch es half nichts, also machten wir uns auf den Weg über einen wunderschönen Pfad entlang des Berghangs, der weder besonders schwierig noch gefährlich ausgesetzt war. Er führte uns hinauf zu einem noch im Sommerschlaf befindlichen Skilift, von dem aus wir schließlich den höchsten Punkt des Tages auf etwa 2.500 Metern erreichten.
Ab hier wurde der Tag erst richtig interessant, denn kurz vor Ende des Anstiegs kamen wir an eine Weggabelung, an der sich der GR5 und der TMB trennten. Für uns ging es durch ein Felsenmeer, wahrscheinlich den schönsten Abschnitt der ganzen Tour.
Zu unserer Überraschung erwarteten uns noch zwei Leitern in einer Felswand und einige kleinere Kletterpassagen. Oben an der nächsten Seilbahn angekommen, ging es eine ganze Weile auf leichten, aber felsigen Wegen bergab. In der Abenddämmerung, später auch in völliger Dunkelheit, ging es dann auf schmalen und vermutlich teilweise ausgesetzten Pfaden immer weiter in Richtung Les Houches. An manchen Stellen war es durch den Regen der vergangenen Tage recht matschig. Es gab Tritte im Fels, Stahlketten und Handgriffe, um an den Felsen hinabzukommen. Technisch gesehen war der letzte Tag der TMB der schwierigste. Kein einziges Mal zuvor war so etwas nötig gewesen. Wer klug ist, macht das besser im Hellen.
Kurz vor dem Ziel bogen wir dann auf die Straße ab und legten den Rest des Weges auf Asphalt zurück, bis wir den Endpunkt erreichten, wo wir um halb zehn in Zimmerlautstärke jubelten und uns ein Taxi bestellten, das uns zurück zum Auto bringen sollte.
Dieser Trail und vor allem das Wetter in der ersten Septemberwoche haben uns ordentlich durchgekaut und ausgespuckt. Ich hätte nicht gedacht, dass es so hart wird, und trotzdem war es eine tolle Tour – wenn auch für meinen Geschmack etwas überlaufen.
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